Liebe Freunde,
nun wollte ich in der Tat ja schon immer mal mit der Transsib reisen und auch waehrend des Radelns noch hab ich mich noch darauf gefreut und nun da es unmittelbat bevorstand war mir die Vorstellung fast 4 lange Tage lang ohne frische Luft , ohne Bewegung und ohne dass mir der Wind seine Geschichten erzählt ja fast ein Graus.
4 Tage liegen oder sitzen und vielleicht mal ein paar Minuten auf dem Bahnsteig umherschlendern.....naja zumindest durfte ich dieses "Los" mit vielen anderen teilen.
Entgegen dem was ich gelesen hatte waren die Zugbegleiterinnen jung und huebsch und vorallem ueberraschend freundlich. Auch meine unmittelbaren Reisenachbarn im offenen Abteil waren alle sehr angenehm und da zwei auch ein paar Brocken Englisch konnten gab es auch etwas zum kommunizieren.
Mein Rad lag auseinandermontiert im grossen Gepäckfach und nahm diesmal keine grösseren schäden.
Die Landschaft durch die die Transsib recht sanft und angenehm rattert ist über tausende Kilometer hinweg mehr oder weniger diesselbe: unendliche Taiga, mit Birken- und verschiedenen Nedelholzwäldern, Büschen und blühendem hohen Gras voller Blumen, immer wieder auchsumpfige Abschnitte und natürlich die mächtigen Flüsse die das weite Sibirien durchziehen.
Datschasiedlungen und kleine Ortschaften wechseln sich ab; Holzhäuser mit wunderschönen Holzrahmen meist in den Farben blau und grün und weiß:
Blau steht für den Himmel,
Grün für die Erde
und es heisst dass der liebe Gott diese Farben besonders gerne mag und deshalb öfter vorbeischauen und nach dem Rechten gucken würde wenn man seine Fensterrahmen in diesen farben streicht; weißß schliesslich soll schlicht Insekten fernhalten.
Die Route führte durch so berühmte Städte wie Krasnojorsk am Fusse des Flusses Jenissey; Novosibirsk - größte Stadt Sibiriens und am Oberlauf der Ob gelegen; oder Jekaterinburg genannt nach der Zarin Katharina 1. und bekannt v.a. durch die Ermordung der letzten Zarenfamilie 1918 dort.
Jede der Städte hätte mit Sicherheit einen Besuch verdient und gelohnt, mir blieb immerhin die Besichtigung der z.T sehr schönen Bahnhöfe dort und etwas Information aus dem reiseführer.
Ganz besonders nett sind die gemeinsamen Mahlzeiten in der Transsib. Wie in Russland üblich packt jeder das was er dabei hat auf den gemeinsamen Tisch im Abteil und dann wird zusammen geteilt und gegessen und ich profitierte mehr als reichlich davon, v.a. von den vielen Tomaten und Gurken und dem Selbstgebackenem das meine Mitreisenden dabeihatten.
In jedem Waggon steht ein grosser heisswasserboiler und wie alle Reisenden war auch ich mit Teebeuteln, Instantkaffee und 5-Minutennudelsuppen gut eingedeckt; auf den Bahnsteigen bei den Stopps gibt es zudem immer mal wieder was zu kaufen in den zahlreichen Kiosken oder bei den "Babuschkas" die Brot und Wurst und Fisch und Gemüse aus dem Garten und Piroggen und Pelmeni und und und anbieten und um jede Unterstützung und um jeden zusätzlichen Verdienst froh sind.
Die temperatur im Zug war sehr angenehm und schlafen konnte ich beim angenehmen rattern des Zuges wunderbar, auch wenn das Umdrehen auf der schmalen Liege geübt sein will.
Mein Buch ("die Vermessung der Erde" ein Roman über Humboldt und Gauss-klasse) hatte ich natürlich auch recht rasch ausgelesen und so blieb viel Zeit zum Erinnern, Träumen, Langweilen, aus dem Fenster blicken, Tagebuch schreiben,.....und mir vorzustellen wie die Strecke wohl auf dem Fahrrad gewesen wäre....ich hätte zumindest mal viel Gegenwind gehabt, die Äste der Bäume bogen sich in die von Moskau entgegengesetzte Richtung gen Osten.
Mit den Menschen im ganzen Waggon wird man während dieser fast 4 Tage im Zug immer vertrauter und einige Jugendliche im Zug waren richtig froh mit mir ihr Englisch auf die Probe zu stellen und fanden meine Radreise schon auch ganz spannend und ich zeigte ihnen gerne meine Fotos auf der Digitalkamera.
Tja, man mag es nach 72 Stunden ja fast nicht mehr wahrhaben, und dann endet diese längste Eisenbahnstrecke der Welt dann doch und wir erreichten pünktlich auf die Minute den Jaroslawer Bahnhof in Moskau.
Ich war dann doch etwas sehr nervös geworden da ich nun nicht wirklich genau wusste ob mein guter Freund Sergej jemand finden konnte der mich am Bahnhof in "Empfang" nahm und mir eine Bleibe in dieser 11 Millionen Metropole und nach London und Tokio dritt teuersten Stadt der Welt ermöglichte und überlegte mir allerlei Strategien und Möglichkeiten was ich tun könnte wenn denn dann niemand da ist.
Doch das war völlig unnötig; ich hatte kaum mein Fahrrad gepackt da kamen Igor und Marina auf mich zu und begrüssten mich freundlich mit meinem Namen und ich muß gestehen ich war total froh und erleichtert darüber.
Marina spricht perfekt Deutsch und Igor ist ein waschechter Moskauer und davon konnte ich ja nur profitieren.
Nach einer erquickenden Dusche und leckerem russischen Abendessen mit Borschtsuppe und Blinis kam ich in den Genuss eines abendlichen Spazierganges durch das Zentrum und Herz von Moskau und das weckte doch all meine Begeisterung.
Zuerst ist da mal die spektakuläre Metro mit ihren altehrwürdigen Bahnhöfen aus den 30-er Jahre des vorherigen Jahrhunderts. In unglaublich langen und in ebenso unglaublich schnellen Rolltreppen geht es hinab in die Moskauer Unterwelt und da gibt es wunderschöne Mosaiken, Leuchter und Lampen, Säulen, Decken und Fussböden zu bewundern.
Und mit ebenso grossen Augen bestaune ich schliesslich all die faszinierenden Häuserfassaden, Plätze, Denkmäler, Kirchen,.....rund um den Kreml und dem roten Platz.
Ich bekam die Basilika mit all ihren vielen runden und bunten Türmen gezeigt, das Mausoleum von Lenin, die ewige Flamme am Denkmal des unbekannten Soldaten, das berühmte Einkaufscenter GUM in dem fantastischen alten Gebäude, das historische Museum mit seinen tiefroten Ziegeln und dem Glockenturm,.......
und das alles bei trockenem Wetter und angenehmen Temperaturen die auch noch ein Bierchen im Freien erlaubten und das wo es die ganzen Tage zuvor und auch am nächsten Morgen wieder in Strömen geregnet hat in Moskau.
Ich war glücklich und froh und dankbar für dieses Erlebnis und für diesen schönen Abend; alleine hätte ich niemals so viel von dieser Stadt kennenlernen können....also, ganz herzlichen Dank an meine Kollegen Sergej und Olga nach Dornstadt und v.a. natürlich an Igor und seine Frau Marina nach Moskau!!!!!
Gestern nun der Flug nach Berlin.
Und es hat alles prima geklappt.
Ich war schrecklich aufgeregt, hatte liebe Mühe mein Rad am Flughafen so zu zerlegen dass es auch transportiert wurde, beobachtete all die Menschen und das ständige Kommen und Gehen dort, freute mich am Sportteil einer deutschen Zeitung mit Olympiaausgabe, trank einen sündhaft teuren Kaffee, hatte leider keinen Fensterplatz im Flieger und genoss es trotzdem über den wattebauschigen Wolken zu sein, bekam mächtig Druck auf die Ohren und war über die schaukelige und leicht holprige Landung überrascht,.....tja und was soll ich sagen.....dann sprachen urplötzlich aus irgendeinem Grund mit einem Mal überall die Menschen Deutsch und das fand ich zunächst als auserordentlich bemerkenswert und im ersten Moment fast schon als fremd.....sowas!!!!
Von Emilia, Sarah und Martin und seinem Vater, der gerade zu Besuch weilt wurde ich im lebendigen Berlin Kreuzberg freudig willkommen geheissen und bei einem wunderbaren Abendessen ganz nach meinem Geschmack und bei vorzüglichem Rotwein durfte ich erzählen und berichten und wieder einmal erfahren was Gastfreundschaft heisst und wie wohltuend es ist bei soviel Herzlichkeit sich wie zuhause fühlen zu dürfen. Ein toller Abend!! Danke!!!
Heute nun steht der Besuch eines Fahrradgeschäftes auf dem Programm, all die vielen Transporte haben doch mächtig Spuren am rad hinterlassen und ein Fachmann tut Not!
Dann gilt es die Strecke hoch an die Ostsee nach Uckermünde zu planen und den Rückweg von dort ins Schwäbische- ich darf also wieder Landkarten studieren und darauf freu ich mich, entsteht dabei doch so ein Kribbeln und eine Vorfreude auf die kommenden Tage und die schöne Strecke.
wenn alles gut klappt schwimme ich in 2 Tagen in der Ostsee und plane schliesslich am 18.August wieder in Ulm und Bermaringen mit meinem Fahrrad einzutreffen.
Bis dahin grüsse ich euch kolossal herzlich und wünsche euch frohe Sommertage,
Ciao
Hartmut