Liebe Freunde;
mein letzter Bericht aus der Ferne oder aus der Fremde wo ja jeder so ein bisschen auch ein Fremder ist und sich doch auch ueberraschend schnell sehr vertraut fuehlen kann....und ich mach einfach dort weiter wo ich aufgehoert hatte:
mit dem historischen Bummelzug ging es entlang der alten Baikalbahnstrecke die seit ihrem Bau 1900 in unveraendertem Zustand ist und sich recht spektakulaer entlang des Seeufers schlaengelt; durch Tunnels und ueber viele Bruecken in den Ort Port Baikal.
Im Zug machte ich die Bekanntschaft mit Sascha und Danka, die beide im Ural leben, totale Veganer und Selbstversorger in aller Konsequenz sind und eine bewundernswerte Lebenseinstellung haben und auch ausstrahlen. Und zudem etwas Deutsch sprechen, was eine Unterhaltung doch immens vereinfacht, zumal mein russisch nicht an Tiefe gewonnen hat in den vergangenen Tagen wie ich gestehen muss.
Sascha schenkte mir zum Abschied einen wunderschoenen selbstgeschnitzten Holzloeffel!! Und ich habe die beiden spaeter auf Olchon freudigerweise nochmal getroffen.
Mein Fahrrad war im Viehwaggon untergebracht, der ansonsten aber leer war und als ich nach halber strecke nach ihm schaute musste ich voller Schreck feststellen dass es ziemlich demoliert wurde und dies obwohl ich es echt extrem gut festgemacht hatte, keine wirkliche Vorstellung und Ahnung wie das passieren konnte.
Sattel und Rahmen hatten erhebliche Kratzer und Lackschaeden, Bremszug und Ruecklicht waren kaputt; Schaltung verbogen und vorallem beide Raeder voellig aus der Spur und nicht mehr zu drehen, eine Speiche gar eingedrueckt.
Die restliche Zugfahrt blieb ich im offenen Waggon beim Rad und huetete es vollends und hatte zugleich frische Luft und beste Aussicht auf den See.
Doch ich litt mit meinem Fahrrad und war voller Sorge ob ich das alles wieder hinkriege, da ich ja wahrlich kein Held des Reparierens bin.
In Port Baikal angekommen setzte ich mich dann erstmal , sammelte mich und versuchte die Raeder wieder so zu zentrieren dass sie sich wenigsten drehen liessen ohne an den Bremskloetzen zu schleifen; das nahm doch etlich Zeit in Anspruch aber da ich es doch ganz gut hinbekam (Danke an Tobi, Udo und Peter aus bermaringen fuer den Anschauungsunterricht zuvor) war ich dann doch sehr erleichtert und mit mir und der welt wieder einigermassen zufrieden.
Indes es war spaet geworden und ein Uebernachtungsplatz noch nicht gefunden.....also machte ich mich auf die Suche und traf dann auf Antony, bei dem ich mich nach einer Pension erkundigte.
Antony verbrachte die Stunden vor unserer Begegnung mit dem Lesen eines Buches von einem russischen Reisenden der ohne Geld in die Welt hinauswanderte und darauf vertraute immer Menschen zu begegnen die ihm Unterkunft und Essen ermoeglichten und in diesem Buch nun von seinen Erlebnissen unterwegs erzaehlt.
Noch in Gedanken mit dieser Geschichte beschaeftigt trafen wir uns dann und selbstverstaendlich war Antonys Reaktion die dass er mich zu sich und seiner freundin nach Hause einlud.......
Antony ist ein sehr sehr interessanter junger Mann, der als Masseur und Therapeut arbeitet und viel schon unterwegs war (Indien) und spirituell sich mit allerlei Dingen beschaeftigt und gerne darueber erzaehlt.(Buddhismus, Yoga, trad.chin.Medizin,....)
Nascha arbeitet in Port Baikal in einem kleines Hotel (12 Betten)mit Banja (russisches Badehaus), eigenem Garten, Vollwertkueche und eigenen Tieren und ich bekam eine Fuehrung durchs Haus und den Garten und das Badehaus und vorallem ein schmackhaftes Gericht aus Buchweizen mit koestlichem Salat dazu.
Zusammen mit den beiden ging es schliesslich noch zum Baden in den ca.11-12 Grad "warmen" Baikalsee. Als ich die beiden ohne mit der Wimper zu zucken mit Kopfsprung ins Wasser springen sah setzte mein herzschlag fuer mindestens 3 Schlaege aus.......das war unvorstellbar fuer mich in so ein kaltes Wasser einfach so reinzuspringen.......ich bevorzugte da doch die divenhafte Variante (manche sagen auch memmenhaft dazu....):
rechter grosse Zeh ins Wasser, dann linker Fuss, rechte Hand, linker Arm, schliesslich noch die Huehnerbrust benetzt und dann ab in die Fluuuhhuuuten brrrrrrrrrrr und schnell wieder raus....brrrrrrrrrrrr....doch dann schnell wieder rein......ach wie erfrischend...wie belebend....wie klar und rein und frisch.......und raus....schlotter...schnatter......und rein......und tief Luft holen....ah,wie herrlich ...und mit der Zeit geht es dann doch und ich kann laenger im Wasser sein und schwimmen.....alles eine Frage des Atmens....ganz langsam und tief und ruhig, dann haelt man es im kalten Wasser viel laenger aus.....und das Baikalwasser ist sowas von klar, man kann sehr tief nach unten blicken und den Grund auf bis zu 40 Metern erkennen.
Der Baikalsee ist vor 25 Millionen Jahren entstanden , ist der groesste Suesswassersee der Welt; 636 km lang und bis 80 km breit und zugleich tiefster See ueberhaupt (1637 m); 336 Fluesse speisen ihn mit Wasser; ein Fluss-die Angara-fliesst aus dem Baikal ab und diese Stelle gefriert auch im Winter nicht fuer einige Kilometer da das Wasser dort aus 400 m Tiefe kommt ; ansonsten ist der Baikal und alle Fluesse tief gefroren im Jan. und Feb. und Maerz mit einer 1,5 m dicken Eisschicht und der See wird als Strasse benutzt und frueher wurden sogar Eisenbahnschienen auf dem Eis verlegt um schneller auf die andere Seite zu kommen.Der See fasst zweimal soviel Wasser wie die Ostsee und alle Fluesse der Erde braeuchten nahezu ein ganzes Jahr um ihn mit Wasser zu fuellen....soviel steht an Superlativen in meinem Reisefuehrer!!!!!
Am naechsten Morgen nach einem erfrischenden Bad im See ging es dann mit der Faehre nach Lystvianka, dort hab ich mir den meistbesuchten Ort am See ueberhaupt angesehen (zugleich 5 Hochzeitsgesellschaften bewundert) und leckeren Omulfisch verspeist; der Fisch des Baikals schlechthin, den es in allen moeglichen Varianten zu essen gibt.
Nach einigen netten begegnungen mit Reisenden; u.a. zwei Radlern aus Serbien auf dem Weg nach Olympia und gesponsert von AVIA Novi Sad bin ich schliesslich nach Irkutsk geradelt und das ging in einem staendigen Auf und Ab durch viele kleine Flusstaeler und Birken- und Kiefernwaelder die von sumpfigen Einschnitten durchzogen sind und auf dessen Wiesen unzaehlige praechtige Blumen in allerlei Farben bluehen.
Bei einsetzendem Regen erreiche ich die "Perle Sibiriens" oder das "Paris des Ostens"; wie die Stadt auch genannt wird und kann bei Galina uebernachten, die Adresse bekam ich vom Reisebuero bei dem ich die Transsib gebucht hatte.
Die Besichtigung der Stadt am Fluss Angara mit all ihren Kirchen, Kloestern; Denkmaelern und schoenen Paetzen hab ich mir fuer den Tag der Abfahrt aufgehoben.
Nach einem oppulenten Fruehstueck am naechsten Morgen mache ich mich bei heftigem Regen und kuehlen Temperaturen auf den Weg zur Insel Olchon, zum Ort Chuschir, gut 260 km entfernt von Irkutsk.
Voellig durchnaesst erlebe ich dennoch einen schoenen Radeltag; gegen die Kaelte singe ich bisweilen an- ein lautes kraeftiges "glorie, glorie, halleluja" etwa heizt die Koerpertemperatur gleich merklich auf und tut der Stimmung gleich mit gut.
Auch mache ich auf der entlegenen Strecke durch viele Laerchenwaelder Pause an saemtlichen Cafes und futtere viel zu viel Schokolade und Chips und Kuchen und zwischendurch auch gesuendere Sachen wie Borschtsuppe oder Schtschisuppe.
Allgemein kompensiere ich Anfluege von Sentimentalitaet oder Einsamkeit mit Essen; auch verlangt mein Koerper wie mir scheint nach seinem Ursprungsgewicht von vor der Reise und nach Phasen des Abnehmens ueberkommt es mich in regelrechten heimtueckischen Heisshungerattacken und ich schaufle Kalorien um Kalorien um wieder an Pfunden zuzulegen und so bin ich also trotz all der Radlerei wohlgenaehrt und widme mich ausgiebig all den kulinarischen Genuessen der russischen Kueche und den suessen Angeboten der vielen vielen "magazin" am Wegesrand.
Es gibt aber auch viele Leckereien hier:
Kascha zum Fruehstueck: ein suesser Brei aus Hirse, Reis und Gries - ein Gedicht!!!
Waseniki : Teigbaellchen mit Kohl, Kartoffeln oder Quark - himmlisch!!!!
Blinis: russ. Pfannkuchen mit saurer Sahne oder Marmelade oder Vanillesosse - koestlich!!
Auch hier ist ansonsten das Meiste mit Fleisch zubereitet , aber ich komme ganz gut ohne klar durch, zumal ich mir immer mal wieder den zarten Baikalomul goenne.
Zum Trinken gibt es "Kwas" das aus riesigen Faessern angeboten und ausgeschenkt wird und sehr beliebt ist in Russland. "Kwas" ist ein leicht vergorenes Getraenk aus getrocknetem Schwarzbrot mit Hefe und Rosinen und schmeckt gerade auch an heissen Tagen recht erfrischend.
Gezeltet hab ich auf dem Weg zur Insel Olchon auf einer frisch gemaehten Wiese bei einem Bauern und es gab absolut handmelkfrische-kuhwarme wohlschmeckende Milch von ganz sicherlich sehr gluecklichen Kuehen die hier ueberall umherlaufen und anzutreffen sind: auf den riesigen kraeuterwiesen sowieso, aber auch auf der Strasse, an der Bushaltestelle, dem Dorfplatz, der Tankstelle, im schattenspendenden Tunnel ......
Auf gut 60 km gefuerchteter Wellblechschotterhubbelpiste kam ich schliesslich bei angenehmen 25 Grad in Chuschir auf der Insel Olchon an und fand dort Quartier im Camp von Nikita- einem ehemaligen russischen Tischtennismeister der mit seiner Frau bemueht ist sowas wie OEkotourismus auf der Insel anzubieten und auch vielen Inselbewohnern so einen festen Arbeitsplatz beschafft. Knappe 2 Tage blieb ich dort, verbrachte meine Zeit mit Spaziergaengen, Lesen und Schwimmen und mit einigen internationalen kurzen Begegnungen und allerlei Plaudereien im Camp. Natuerlich viel zu kurz um den Reizen dieser schoenen Insel wirklich gerecht zu werden, aber dennoch lang genug um die mueckenfreie Idylle dort kenne- und schaetzen zu lernen.
Die beiden radeltage zurueck nach Irkutsk waren dann doch sehr bestimmt von der Macht der Gefuehle. Es gilt Abschied zu nehmen von einer langen Reise und voller Nostalgie und Wehmut und Dankbarkeit und Sentimentalitaet und Freude und Fernweh und Heimweh und Melancholie und und und dachte ich an die letzten Monate und an soviele Menschen und Begegnungen und Ereignisse das mir fast schwindelig wurde und ich allerlei anfing durcheinanderzubringen in meinen Erinnerungen......und mal total ueberschwenglich vor Freude jauchzte und dann wieder tieftraurig vor mich hinstrampelte.....wie in einem Karusell schnell drehte sich da mein Gefuehlsleben!! Da konnte ich bisweilen ueber mich selbst nur staunen!!!Sowas !!!
Schnueff !!!
Hurra !!! - bald sehe ich Lisa und Jule und natuerlich ja auch Euch!!
Nun denn, jetzt bin ich wieder bei meinem russischen Muetterchen Galina und werde dort gut verkoestigt; meine Kleider sind alle frisch gewaschen und duften nach Fruehling und Aufbruch wie noch nie!!!!!
Ich selber fuehle eine Unruhe in mir und es faellt mir bisweilen schwer zu verweilen und so wie in Peking die Verlockung spuerbar war nach Deutschland zu fliegen mit Tobi so spuere ich nun die Versuchung statt mit dem Zug doch mit dem Fahrrad nach Moskau und weiter zu radeln......aber nein, morgen geht um 16:10 Uhr mein Zug und am 5.August dann der Flieger nach Berlin und dann radle ich ja noch an die Ostsee und dort den Oder-Neisse Radweg entlang gen Sueden und so wartet ja noch ein bisschen Unterwegssein duerfen auf mich und darauf freu ich mich auch.......mal sehen ob es sich in Deutschland ebenso leicht und gastfreundschaftlich reisen laesst wie etwa im Iran, der Tuerkei, Usbekistan, China oder auch hier in Russland????!!!!!
Ich erzaehle es Euch- versprochen!!!
Meine naechste mail erreicht euch dann aus einem Internetcafe in Deutschland und bis dahin gruesse ich Euch mit einem herzlichen "Do-swidanja" und wuensche Euch alles Gute und glueckliche Sommertage.
poka (ciao)
Hartmut