21.08.08 Kjachta, Gusinoosjorsk, Ulan Ude

Hallo Freunde,

 

die nahende Erfrischung im kalten Baikalsee rueckt naeher und naeher und ich freu mich schon drauf; auch wenn ich noch total am Gruebeln bin wo ich denn genau hinfahren soll und je mehr ich andere frage und je mehr Tipps ich bekomme desto schwieriger wird die Sache........

da waere der einsame Osten, anscheinend schoene Buchten und waermeres Wasser, dafuer schlecht zu erreichen da Schotterstrasse;

dann gibt es da den Touriort Lysvianka, ziemlich ueberlaufen gerade im Sommer, aber auch ganz nett und gut zu kompinieren mit einer Fahrt auf der alten, beruehmten Baikalbahn am See entlang auf ueber 75 km, ein Highlight und Muss fuer die Eisenbahnfans-das bin ich aber keiner;

tja und dann waere noch die Variante mit der Insel Olchon- ein sogenannter Geheimtipp; wobei das auch nicht mehr stimmt, aber in jedem Fall ein etwas ruhigerer und landschaftlich wunderschoener Platz zum Verweilen und Entspannen; mit dem Nachteil dass er von Irkusk 300 km weit weg ist und das ist doch eine Ecke zumal ich ja dann auch wieder zurueck muss........

Ihr seht ich habe viele Moeglichkeiten und hab ja noch 2 Tage bis zur Entscheidung......!

 

Hinter mir liegen 3 recht schoene und einsam-ruhige Radeltag; gutes Wetter am Tage (um die 30 Grad) und auch recht gemaessigter Wind, der nur ab und zu mal ein bisschen mich angehaucht hat um zu signalisieren dass es ihn noch gibt- nicht dass ich ihn am Ende noch vergesse.....

Meine Route fuehrte mich an die russische Grenzstadt Kjachta; einst Weltstadt, weil von dort saemtlicher Tee aus China nach Europa transportiert wurde und Heimstaette vieler reicher Kaufleute und heute eher ein verschlafenes Staedtchen, aber immerhin noch mit ein bisschen Flair vergangener Tage und nicht gar so trostlos wie manch andere russische Stadt die auf meinem Weg lag.

Der Grenzuebergang war ja allen Unkenrufen zum Trotz total problemlos; so schnell kam ich bislang noch ueber keine Grenze und dabei hatte ich mich schon auf gut 2 Stunden Warterei eingestellt und dementsprechend Proviant dabei und dann war ich nach 15 min schon durch......ohne auch nur eine Zolldeklaration ausfuellen zu muessen.....wurde einfach so durchgewunken und Schwups war ich in Russland!Sowas!

Und das heisst nun 7 Stunden Zeitunterschied zu Euch in Deutschland.

Die Landschaft hat sich mit der Grenze auch etwas veraendert; es ist sehr huegelig und das Radeln ist eine wahre Freude bei den langen Abfahrten und doch recht anstrengend bei den (natuerlich) viel viel laengeren Anstiegen.

Waldige Steppenlandschaft- keine Ahnung ob es diese Bezeichnung gibt, aber so wuerde ich die Landschaft hier beschreiben in Burjatien- so heisst diese Gegend oestlich des Baikals.

Gestern bin ich da nun recht motiviert geradelt weil als Ziel der Gaensesee gelockt und und dami auch ein erfrischendesd Bad-so hoffte ich zumindest und trat fleissig in die Pedale auf dem Weg in das Staedtchen Gusinoosjok; eine Industriestadt die 3 groesste einst in dieser Region, doch mittlerweile stark am Verfallen und ein wahrlich trostloser Fleck.

Die Strassen voller Rinnsale und Schotter, Asphalt loest sich auf und ueberall verteilt liegen grosse Muellhaufen und so riecht es dann auch.

Viele zerfallenen Fabrikanlagen und auch die intakten Holzhaeuser der Bewohner koennen das bedrueckende Bild nicht aufhellen....eigenartige Atmosphaere ueber dem ganzen Ort und dann noch zwei riesige Schornsteine der Braunkohlefabrik in der Naehe die maechtig Dampf ablassen......

"Doch nicht verzagen, schliesslich wartet der See"....so dachte ich mir und suchte mir einen Weg ans Wasser durch die vielen kleinen Strassen des verzweigten Ortes.

Scjliesslich kam ich irgendwo ans Ufer des klaren und total schoen gelegenen Sees , der umrahmt wird von einer kleinen Bergkette und wollte dort einfach mein Zelt aufschlagen.

Vom anliegenden Grundstueck kamen dann drei Maenner und eine Frau und wir kamen ins "Gespraech" und ich wurde zu ihnen in den "Garten" eingeladen, wo frisch geraeucherter Fisch auf mich wartete, den ich aber nur mit viel Anleitung auseinandernehemen (schluck!) und schliesslich auch essen konnte(sehr zart)....soweit so gut;

dann wurde ich von den beiden Juengeren (22 u.24) zu einer Bootstour eingeladen um die Netze zu kontrollieren und um frisch gefangene Fische daraus zu befreien; das war zwar ganz interessant aber  ich bekam dann natuerlich prompt ein schlechtes Gewissen als ich dann sah wie erbaermlich die Fische in dem Netz nach Rettung zappelten und wie ihnen dann das Genick mit einem kraeftigen Dreh gebrochen wurde und wie sie gegen den Boden des Bootes geknallt wurden und nach einigen letzten Zuckungen dann tot waren......und ich sollte sie dann auch noch festhalten......und die beiden freuten sich und waren ganz stolz auf diese Lehrstunde Fischfang die ich von ihnen bekam!

Nach getaner Arbeit sind wir vom Boot aus in den See gesprungen und ans Ufer geschwommen und endlich kam ich zu meinem erfrischenden Bad auf das ich mich ja so sehr gefreut hatte und das war nur herrlich........

Am Ufer versammelte sich dann schon die restliche Familie; samt Freundinnen und 2 Onkels und dann nahm die Wodkatrinkerei ihren fatalen Anfang.....irgendein selbstgebranntes Zeug in einer Plastikflasche wurde hin und her gereicht und die Maenner tranken und tranken und ihre Zungen wurden schwerer und schwerer.

Der Vater der Familie ist total abgemagert und sieht echt totkrank aus und ist dabei wie ich erschreckenderweise feststellen musste grade mal 6 Jahre aelter als ich und ich schaetzte ihn auf um die 60 rum. Er konnte nur noch lallen und sich nicht mehr auf den Beinen halten und ich habe das Gefuehl dass dies eher ein normaler Zustand ist, zumindest kuemmerte es keiner der Anwesenden ernstlich.

Ich war zumindest froh dass akzeptiert wurde das ich keinen Wodka trinke und versuchte halt das beste aus dieser Situation zu machen, der juengste Sohn war auch trotz Wodka noch ein halbwegs angenehmer Gespraechspartner.

Die Mutter-obwohl viel Bier aus einer Kaffeetasse trinkend- behielt schlussendes noch einigermassen den Ueberblick und schickte die eine Haelfte bei einsetzendem Gewitter und heftigem Regen torkelnd weg und die eigene andere Haelfte lautstark ins Haus und ich bekam eine Platz in einem Bretterverschlag auf einer rostigen Liege zugewissen auf die eine alte Matraze gelegt wurde.....also das Gewitter und der blitzende Himmel war ein echtes Erlebnis und ich genoss dieses Himmelsspektakel noch lange dann alleine und lauschte wie der Regen aufs Blechdach trommelte.

Die Matraze hab ich mir nicht naeher angeschaut und auch all das Geraschel um mich und das laute Genage an den restlichen Fischen die in meinem Verschlag rumlagen kuemmerte mich nicht....nein nein.....ich ignorierte das einfach und fiel irgendwann in einen unruhigen Schlaf und traeumte tatsaechlich von den Fischen die ich gegessen habe und denen ich das Genick umdrehen musste und ich hab noch ganz genau dieses Geraeusch im Ohr das dabei entsteht........

Mit Einbruch der Daemmerung bin ich dann aus meinem Nachtlager gekrochen und hab mich sehr frueh "davongestohlen" und dabei alle Klaeffer der umliegenden Siedlung geweckt und dadurch sicherlich auch die ein und andere Wodkaleiche wieder zum Leben erweckt........

Und die eigentlich echt nette Familie, die mich so gastfreundlich aufgenommen und bewirtet hat und dieses dramatische und fasst schon entwuerdigende Wodkabeschaeufnis beschaeftigte mich den Tag ueber noch lange........!!Der Wodka ist eine fatale Seuche, aber das hab ich schon mal aus Kasachstan geschrieben....!

 

Auf dem Weg vom Gaensesee nach Ulan Ude hab ich heute noch eine buddhistische Klosteranlage besucht mit einigen schoenen Tempeln.

Solche Orte strahlen schon eine Ruhe aus und haben sicherlich auch etwas besinnliches; vorallem mag ich all diesen Duft nach dem Raeucherwerk der dort ueberall in der Luft haengt sehr gerne, aber schlussendlich bleibt mir ein buddhistischer Tempel an sich doch recht verschlossen und ich spuere doch dass meine Wurzeln und meine Kraft woanders liegen und es ist ja gut dies zu wissen!

 

Morgen frueh nun moechte ich mir noch ein Freilichtmuseum in der Naehe anschauen und dann geht es nonstop und am besten luftlinie an den Baikalsee; den See voller Superlative und ueber die berichte ich dann in meiner naechsten mail, schliesslich habe ich nun ja einen kompetenten Reisefuehrer und kann auch mit etwas Wissen auftrumpfen.......

Die beiden die den Reisefuehrer geschrieben haben leben uebrigens auf der schwaebischen Alb und der Mann -Roger Just- ist von Beruf Altenpfleger....also ich werde doch Kontakt aufnehemen wenn ich dann auch wieder auf der Alb bin; der Fueherer ist total super geschrieben!

Das hab ich mir vorgenommen und ausserdem moechte ich unbedingt RICHTIG reiten lernen, damit ich beim naechsten Mal in der mongolischen Steppe oder sonstwo nicht gar so stuemperhaft auf dem Gaul rumhopse wie diesmal..........

Nun denn, auf dem Drahtesel mach ich eine bessere Figur.....ein kleiner Trost zumindest!

 

So und nun hoffe ich das ich den Weg vom Internetcafe zum Hotel hier in Ulan Ude auch wieder finde; der Weg fuehrt durch tausend Gassen und Hinterhoefe und im Dunkeln sieht irgendwie alles anders aus als im Hellen......

 

Euch alles alles Gute,

herzlichsten Dank fuer all eure lieben mails und eure Begleitung;

 

bajartai (verabschiedung auf burjatisch)

Hartmut