Hallo liebe Freunde,
"....und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fuerchte ich kein Unglueck,
denn du Gott bist bei mir, dein Stecken und Stab troesten mich...."
Das Dilemma der Verzweiflung ist dass sich alle Traurigkeit die in einem wohnt zu ihr gesellt und sich mit ihr zusammen zu einem unueberbrueckbaren riesigen Berg auftuermt oder zu einem tosenden Wildwasser zusammenbraut das alles mit sich reisst und in das man zu stuerzen droht.
Und das zweite Dilemma ist dass man in diesem Zustand alle helfenden Arme, troestende Worte und rettende Hilfe und Zeichen schlicht nicht wahrnimmt und dein Schutzengel und ewiger begleiter viel Muehe hat dich aus dieser Situation herauszubugsieren......und so sehr dieser vers des 23.Psalmes auch immer wieder ueber meine Lippen kam und auch Mut machte so sehr war ich doch auch am zweifeln und verweifeln in diesen ersten beiden Tagen in der Wueste Gobi und fuerchtete mich eben doch und welch Geschenk und tiefes Erlebnis ist es dann heil und wohlbehalten aus einer solchen Geschichte herausgetragen zu werden.......
soviel sei noch zu meinem letzten mail gestattet und angemerkt; doch nun weiter auf dem Weg von Sainshand nach Cojr auf die restlichen 240 km (und nicht 150 wie ich schrieb) "dirt-road" durch das desert!!
30 km ging alles ganz prima, Orientierung war gar kein Problem weil es immer der Bahnlinie entlang ging und auch der Gegenwind stoerte zunaechst kaum. Doch dann trieben wieder diese gefuerchteten dunklen Wolken auf mich zu und der Wind nahm an Heftigkeit zu und ich konnte nurmehr mein Rad schieben ; mehr und mehr mischte sich Sand in den Wind und das Licht bekam diesen schmutzig dunklen Schein und schliesslich brach es foermlich ueber mich herein. Der Wind tobte mit all seiner Gewalt und Macht und die Luft war voller Sand, grobem Sand; ich schrie auf so sehr tat das weh auf der Haut und schaffte es dann mit hoechster Anstrengung mir lange Klamotten ueberzuziehen um wenigstens etwas geschuetzt zu sein. Und so stand ich also wieder mit dem Ruecken zum Wind und mit eingezogenem Kopf, hielt mein Fahrrad und harrte der Dinge die da kommen und war doch um einiges ruhiger als beim Sandsturm 2 Tage zuvor, obwohl dieser hier einen furchtbar langen Atem hatte.Ueber 15 min. ruehrte ich mich nicht vom Fleck und musste mir den Sand um und in die Ohren jagen lassen, dann hatte der Wind anscheinend genug und flaute langsam ab und der Sand in der Luft bettete sich wieder in die unendliche Wueste und ich konnte aufatmen und allmaehlich wieder weiter mein Fahrrad schieben......Kilometer um Kilometer......fast schon trotzig, aber entschlossen!!!!
Ein 35 kg schweres Rad durch tiefen Sand zu schieben ist kein Vergnuegen und erfordert maechtig Kraft und Muehsal, doch ich wollte vorwaerts kommen und mich durch nichts aufhalten lassen und schon gar nicht von so ein bisschen Sand. Und es erging mir so wie Lisbeth in der Geschichte von Astrid Lindgren, nur dass Lisbeth durch den bloeden Schnee stampfte und auf ihn schimpfte und ich stampfte und schimpfte noch viel mehr ueber all den bloeden Sand.
Doch es ging vorwaerts, immer vorwaerts, immer Richtung West-Nord_West, immer Richtung schwaebische Alb!!!
"...und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,fuerchte ich kein Unglueck,
denn du Gott bist bei mir......"
und der Wind legte sich vollends und ich bekam noch einen wunderschoenen Spaetnachmittag und zudem -das wusste ich- gibt es an diesem Teil der Strecke entlang den Bahnschienen kleine Versorgungsposten mit Moeglichkeiten des Einkaufens in einem der "Magazin" (Geschaeft) und so erging es mir mit "Alpengold" Schokolade, "Gut und Guenstig" Paprika Chips, Essiggurken aus Polen und Industriebrot mit Rama und der unvermeitlichen Cola doch ganz gut.
Als am Abend dann wieder Wind aufkam fuerchtete ich schon schlimmstes fuer die Nacht, hatte auch liebe Muehe das Zelt ueberhaupt aufzubauen, doch der Wind legte sich offenbar mit mir schlafen, denn ich erlebte die geruhsamste Nacht seit langem und schlief durch bis zum naechsten Morgen und das ist mir schon lange nicht mehr passiert.
Der 4. Tag meiner wuestenexpedition begann erstmal mit Reifen flicken und das gleich vorne und hinten; bin wohl in was stacheliges reingeradelt und einmal mehr erwies sich mein Radmantel nicht als besonders Traveller und Touren geeignet und mein Flickzeug neigt sich allmaehlich dem Ende entgegen- mehr als 2 witere Platten verkradfte ich nicht mehr.
Doch viel wichtiger war, ein herrlicher Morgen strahlte mir froehlich mitten ins Gesicht und versprach einen Tag ohne Sandsturm und Gewitter, ohne Wind und seine Schikanen.
Und so erlebte ich in der Tat einen richtig prima Tag, hatte ein paar nette Begegnungen on the road und im Magazin und auch die Abschnitte wo ich mein Rad schieben musste hielten sich in Grenzen und ich kam satte 125 km weiter durch die Wueste Gobi; und die hat einige Facetten:
mal platt wie eine Flunder, mal sanft wellig und mal huegelig; mal mit gruenem Wuestengras duenn bewachsen, mal steinig und mal fein und mal grob sandig. Mal ist die Farbe des Sandes hell und mal dunkelocker und mal beinahe dunkelbraun......und der Himmel ist einfach immer wieder phaenomenal und weit, so unglaublich weit! Und dann erst nachts dieser Sternenhimmel, in der absoluten Stille offenbart er eine Tiefe und Reinheit und seine ganze Unendlichkeit und unfassbare Dimension und Faszination.
Allein dieses Himmels wegen haben sich alle Sandstuerme tausendmal gelohnt (sag ich nun, wo ich sie hinter mir habe...).
Vorgestern nun warteten die letzten 25 km Sandpiste auf mich und es war dann schon ein fast feierlicher Augenblick als ich nach 450 km wieder richtigen Asphalt unter die Raeder bekam. Getruebt lediglich durch den brutalen gegenwind der an diesem tag mein Begleiter sein wollte - aber ich quaele euch nun nicht mehr mit meinen ewigen Ausfuehrungen bezueglich des Windes- es reicht wenn ich gequaelt wurde von ihm, also erspare ich es euch!
Und ich habe ja alle Zeit der Welt, machte erstmal Pause in dem Staedtchen Cojr und fuellte meine Vorraete auf und machte mich dann ganz behaebig und langsam auf die 240 km lange Strecke nach Ulan Bator, der Hauptstadt der mongolei.
Gleich anfangs traf ich Bernard aus Marseille, der auch mit dem Fahrrad nach Beijing unterwegs ist und die Route ueber Russland waehlte und wir tauschten uns aus und freuten uns an unserer Begegnung und wuenschten uns viel Glueck und radelten weiter. bernard mit 40 km/h und dem Wind im Ruecken und ich mit 13 km/h in die andere Richtung.
Am Nachmittag gesellte sich dann ausgiebig undlange meine gute Freundin die Melancholie zu mir und wir verbrachten einige sehr sentimentale Stunden zu zweit und hatten uns viel zu erzaehlen.
Das war eigentlich ganz ok so, schliesslich sind wir einander wohlvertraut und kommen gut miteinander zurecht und beim Abschied haette sie mir nicht versprechen muessen dass sie bald wieder bei mir vorbeischaut, denn das wusste ich auch so.
Ansonsten verbrachte ich meine zeit noch mit dem Spiel von Kindern und Verliebten und guckte einfach Wolken und entdeckte dabei manch Drachen, Schwan und anderes Geschoepf....welch grandioses Spektakel dieser Himmel immer wieder mir bietet!!!!
Eine nette Begegnung hatte ich schliesslich noch bei einem Magazin am Strassenrand wo mich eine mongolische Familie, die zu Viert auf dem Motorrad zum Einkaufen dorthin kam, auf ein Bierchen einlud , dazu gesellten sich noch andere Gaeste und da eines der Maedchen Englisch sprach konnten wir sogar ein wenig miteinander plaudern.
Faszinierend ist es auch zu sehen wenn eine mongolische Familie aus ihrem Auto aussteigt; die Tuer geht auf und 5...6....7...Kinder klettern frohgelaunt heraus, dazu noch die Mutter mit einem Baby auf dem schoss und am Schluss natuerlich noch der stolze Papa.....
Momentan ist Naadaam Fest, der hoechste Feiertag der Mongolei und es gibt allerlei Musik, Tanz und Folklore, Reiterspiele, Bogenschiessen und Ringkaempfe
im Stadion und alle haben die schoene blau-rote mong. Fahne am Auto mit dem Ying und Yang Zeichen darin.
Doch bevor ich das so ein bisschen mitbekam verbrachte ich noch eine kalte klare Nacht im Zelt , das mehr und mehr zu meinem Zuhause wird und am naechsten Morgen einige schoene Stunden ohne Wind auf dem Fahrrad auf den letzten 140 km bis nach Ulan Bator.
Kurz vor der Stadt traf ich ein schweizer Paaerchen im Jeep und einen Bremer Motorradfahrer und bekam einige wichtige Tipps fuer die Stadt und vorallem eine tolle Adresse: Das Oasis, ein Jurten Camp mit einem Cafeund Restaurant wo man nicht nur sehr billig Unterschlupf findet sondern wo es auch Schwarzwaelder Kirschtorte und Kaesekuchen und Kaiserschmarrn zu essen gibt......das Ganze wird von einem deutsch-oesterreichischen Paar betrieben und bietet eine sehr familiaere Atmosphaere und es gibt Globetrotter aus deutschland und Schweden und Oesterreich und somit viel Gespraechsthemen.....
Und ich habe wieder was zu lesen....einen richtigen Roman im Oasis Buecherschrank entdeckt und so werde ich wohl ein paar Tage hier ausspannen und es mir gut gehen lassen. Morgen hoffe ich auf das Paket in der deutschen Botschaft....ob es wohl den Weg so wie ich gefunden hat hierher????
Ab dem 20.Juli kann ich nach Russland einradeln und vollends an den Baikalsee weiter nach Irkutsk, meinem letzten grossen Ziel!!!
Doch jetzt steht erst mal Lesen und Stadtbummeln, Waesche waschen und Packtaschen vom Sand entstauben und Fahrrad putzen auf dem programm und dann mal sehen was sich sonst noch so ergibt.....
Danke fuer all Eure wohltuenden und stuetzenden und mich in den Arm nehmenden mails und ganz herzliche und glueckwuenschende Gruesse aus der wilden Mongolei!!!
"...und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fuerchte ich kein Unglueck,
denn du Gott bist bei mir, dein Stecken und Stab troesten mich...."
in diesem Sinne,
alles Gute
Hartmut